Exulanten

Versöhnung

Tetschen 1938
Versöhnung kann sehr lange dauern, und hat immer einen bitteren Bezugspunkt: Ein Vergehen, ein Verbrechen, eine Beleidigung ist geschehen. Täter und Opfer »müssen« nun mit den Folgen leben, denn jede Ungerechtigkeit bewirkt eine doppelte Geschichte:

Auf der Täterseite gibt es in der Regel die Geschichte der verleugneten Schuld, was meist eine Verharmlosung der Ereignisse auslöst. Damit einher geht die Manipulation der Fakten (Vertreibungsbefehle nach der Kapitulation der deutschen Streitkräfte am 8. Mai 1945: Polen Tschechoslowakei), die Beseitigung unliebsamer Zeugen, die Entmachtung unabhängiger Gerichte.

Vertreibung 1945
Auf der Opferseite setzt jedes Verbrechen eine Wirkung in Gang. Es entsteht die Geschichte ungeheilter Kränkungen. Betroffene müssen mit schwer wiegenden Beschämungen, Demütigungen und Erfahrungen von Ohnmacht leben.

Beide Seiten geben ihre Geschichte weiter, oft von Generation zu Generation, und so entstehen eigene Symbole, Feindbilder und Legenden. Die Vergangenheit ist voll von verleugneter Schuld, ungeheilter Kränkung und vergifteten Beziehungen zwischen Menschen, Gemeinschaften und Völkern. Aber nur Versöhnung führt über wenige, wenn auch schwierige Stationen, auf den anderen zu:

Entschuldigung

Es ist unerläßlich, daß sich die Täterseite dazu bereit findet, ein möglichst umfassendes Bild des verübten Unrechts zu gewinnen. Eine ernstliche Bitte um Entschuldigung wird folgende Aspekte enthalten:
- Eindeutige Benennung des Geschehens und der eigenen Rolle.
- Präzise Erörterung des begangenen Unrechts.
- Eine ausdrückliche Erklärung des Bedauerns.
- Die Bereitschaft zu Ausgleichsmaßnahmen.

Annahme

Mit der Bitte um Entschuldigung ist nicht automatisch alles erledigt. Die Annahme einer Entschuldigung ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine folgenreiche Entscheidung auf der Opferseite: Die Opfer treten aus ihrer Kränkung heraus, und begegnen nun der Täterseite auf Augenhöhe. Dieser Akt emotionaler Souveränität kann innere Kämpfe auslösen, und unter Umständen viel Zeit erfordern.

Bundesschluß

Die öffentliche Besiegelung einer Entschuldigung nimmt einen hervorgehobenen Platz ein. So wichtig es ist, daß die Täterseite ihre Entschuldigung öffentlich ausspricht, so wichtig ist es auch, daß die Opferseite die Akzeptanz der Entschuldigung publik macht. Sie wird erklären, daß sie ihr Leid in der Entschuldigung wiedererkennt, und in Zukunft auf eine weitere Aufrechnung für die Kränkungen verzichtet.

Hier findet also eine wechselseitige Befreiung statt, und es wird nun eine gemeinsame Zukunft eröffnet. Erinnerungen an geschehenes Leid werden nicht künstlich ausgelöscht, aber der Anreiz für neue Verfeindungen fällt in sich zusammen, weil das Vergiftende und die Verbitterung aus den Erinnerungen herausgenommen wird.

Lastenausgleich

Es gehört zu dem geschlossenen Bund, die Folgelasten des überwundenen Unrechts aufzufangen, und möglichst umfassend zu beseitigen. In jedem Fall muß es um einen Ausgleich der Lasten und Vorteile gehen, die ein Unrecht mit sich gebracht hat. Auf die Korektur der durch das Unrecht entstandenen sozialen und wirtschaftlichen Ungleichgewichte kann nicht verzichtet werden, wenn eine stabile und versöhnte Nachbarschaft erreicht werden soll.

Versöhnungsprozesse sind labil. Aber es ist niemals zu spät, Menschen, Familien und Völker aus dem Teufelskreis von Rache und Vergeltung zu lösen. Für die Politik muß gelten: Vergeltung (wie heute weithin üblich) ist reaktionär; Versöhnung dagegen ist konstruktiv, aber leider fällt es den meisten Menschen sehr schwer - und für die Mächtigen gilt das ganz besonders - sich auf Versöhnungsprozesse einzulassen. Denn zu solchen Prozessen gehört untrennbar das Element des Verzichts.
© Familienforschung Oskar, Rolf & Olaf Steuer