Sterbeeintrag

Pilz, Magdeburg

Sterbeurkunde (DDR)
Die kommunistisch geprägten Behörden der »Deutschen Demokratischen Republik« hatten im Umgang mit den Schicksalen Vertriebener erhebliche Probleme. Meine Urgroßmutter Maria Renner wurde in Görkau geboren. Ihr Geburtsort gehörte 1877 zu Österreich, 1918 bis 1938 zur Tschechischen Republik (ČSR), 1938 bis 1945 auf der Grundlage des Münchner Abkommens zum Deutschen Reich, und nach 1945 wieder zur Tschechischen Republik (ČSSR).

Bei der Vertreibung der Deutschen Bevölkerung aus ihrer Böhmischen Heimat durch tschechische Nationalisten wurden Maria Renner alle persönlichen Dokumente geraubt. Sie schlug sich zu Fuß zu ihrer Tochter nach Glöwen in Mecklenburg durch, wo deren Ehemann Oskar August Steuer das Kriegsende als Bauleiter der Dynamit AG erlebte. Gemeinsam haben sie auf der russischen Kommandantur in Perleberg eidesstattliche Erklärungen zu Frau Renner abgegeben, damit sie wieder in den Besitz von Lebensmittelmarken und Ausweispapieren gelangte.

Die ostdeutschen Behörden haben deshalb über die Geburt formuliert: »Beurkundung nicht nachgewiesen.« So kam es, daß Frau Renner auf dem Nordfriedhof in Magdeburg beigesetzt wurde, ihre Grabstelle aber niemals einen Grabstein erhalten hat. Gründe hierfür konnten nicht in Erfahrung gebracht werden …

Wenn es gelingt, auch zu den traurigen Kapiteln der Geschichte eine gemeinsame Sprache zu finden, dann - und nur dann - hat ein gemeinsames Europa eine Zukunft! Ob dabei, und wenn ja, wie lange, Friedhöfe und Grabsteine erhalten bleiben, ist meines Erachtens von nachrangiger Bedeutung. Leben doch unsere Ahnen in unserer Erinnerung daran weiter, daß wir alle ohne sie und ihre Art, das Leben mit allen Widrigkeiten zu meistern, gar nicht existieren würden.

Dabei wäre es hilfreich, wenn in der Politik Herz und Hirn an die Stelle von Habgier und Nationalismus treten.

Olaf Steuer (1. Urenkel)
© Familienforschung Oskar, Rolf & Olaf Steuer