ČSR

Vertreibungsbefehl 14. Juni 1945

Befehl des Militärortskommandanten

Vertreibungsbefehl 14. Juni 1945
Die Einwohner deutscher Volkszugehörigkeit der Stadtgemeinden Böhmisch-Leipa, Alt-Leipa und Niemes, ohne Unterschied des Alters und des Geschlechtes, verlassen am 15. Juni 1945 um 5 Uhr früh ihre Wohnungen und marschieren durch die Kreuz- und Bräuhausgasse auf den Sammelplatz beim Bräuhaus in Ceske-Lipe.

In Niemes versammeln sie sich im Raum Kreuzung 200 Meter westlich der Eisenbahnbrücke (Straße in Richtung Reichstadt).

Diese Anordnung betrifft nicht die nachstehend aufgeführten Personen und die Familien derselben:
I. 1. Aerzte, Tierärzte, Apotheker, Pflegepersonal und Feuerwehr.
2. Gewerbetreibende und Angestellte der im Gange befindlichen Versorgungsunternehmungen.
3. Schmiede-, Schlosser-, Kraftfahrzeug-Reparaturwerkstätten, Schneider und Schuhmacher, die ihr Gewerbe betreiben.
4. Angestellte der im Gange befindlichen Fabriken und Unternehmungen.
5. Angestellte der Eisenbahn, der Post sowie der Verkehrsunternehmungen.

Die unter Nr. 1 - 5 angeführten Personen haben sich mit einer Bestätigung über die Beschäftigung auszuweisen. Falls sie sich entfernen, werden sie zurückgeführt und entsprechend bestraft.

II. Die Ausweisung findet keine Anwendung auf Angehörige der kommunistischen und der sozialdemokratischen Partei, die sich mit einer Legitimation der Partei legitimieren und nachweisen können, daß sie wegen ihrer Gesinnung und der bejahenden Einstellung zur CSR verfolgt d. h. inhaftiert oder ihres Postens enthoben wurden.

Jeder Einzelperson, auf die sich die Ausweisung bezieht, ist es gestattet, mitzunehmen:
a) Lebensmittel auf 7 Tage und
b) die allernotwendigsten Sachen für ihren persönlichen Bedarf in einer Menge, die sie selbst tragen kann;
c) Personalbelege und alle Lebensmittelkarten samt der Haushalts-Stammkarte.

Wertsachen:
Gold, Silber und alle aus diesen Metallen hergestellten Gegenstände (Ringe, Broschen usw.), Gold- und Silbermünzen, Einlagebücher, Versicherungen, Bargeld, mit Ausnahme von 100 Reichsmark pro Kopf sowie Photoapparate sind in ein Säckchen einzulegen oder in verschnürte Papierpäckchen einzupacken, unter Beischließung eines genauen und schriftlichen Verzeichnisses dieser Wertsachen und unter Anführung der genauen Anschrift des bisherigen Wohnortes, der Wohnung und der Hausnummer. Diese Wertsachen in Säckchen werden an der Versammlungsstelle abgegeben.

Ich mache aufmerksam, daß jede Einzelperson einer strengen Leibesvisitiation unterzogen wird. Auch der Inhalt der Gepäckstücke wird genau überprüft werden. Es ist daher jede Verheimlichung der angeführten Gegenstände bei sich, sowohl in der Kleidung, als auch in den Schuhen und an anderen Stellen, so z. B. im Handgepäck zwecklos, und wird bestraft werden.

Haustiere bleiben an Ort und Stelle, das Verzeichnis der Tiere ist unter Angabe der Hausnummer und Straße gleichzeitig mit den Schlüsseln an der Versammlungsstelle abzugeben.
Unbewegliches Eigentum, wie verschiedene Maschinen, landwirtschaftliche Maschinen und Geräte, ist an Ort und Stelle zu belassen. Jede absichtliche Beschädigung dieses Eigentums oder Einrichtung wird streng bestraft werden. Desgleichen wird die Übergabe der angeführten Gegenstände und Einrichtungen an andere Personen zwecks Aufbewahrung bestraft werden.
Schlüssel: Beim Abgang sind alle Haus- und Wohnzimmereingänge sowie die Eingänge der Hofgebäude bzw. der Werks- und Betriebsstätten zu verschließen, die Schlüssel von diesen Gebäuden von allen einzelnen Räumen sind mit Schnur zusammenzubinden und mit der genauen Anschrift der bisherigen Wohnstelle oder der Wohnung auf starkem Papier zu versehen, die an den Schlüsseln mit Schnur zu befestigen ist. Vor dem Verlassen der Wohnzimmer und der Gebäude muß jede Eingangstür verschlossen und mit einem Streifen Papier so verklebt werden, daß dieser beide Türflügel verbindet und das Schlüsselloch überdeckt. In Häusern, in denen einige Mieter weiter verbleiben, werden bloß alle Eingänge der verlassenen Wohnräume abgesperrt und die Türen mit Papierstreifen überklebt. Nach Uebernahme der Schlüssel werden alle Gebäude sofort von Militär- und Gendarmerieorganen durchsucht werden. Personen welche unberechtigt und absichtlich die Gebäude nicht verlassen haben, haben eine strenge Bestrafung zu erwarten. Kranke, jedoch des Transports in einem Beförderungsmittel fähige Personen, werden von den Angehörigen ihres Haushalts zur Versammlungsstelle gebracht, von wo sie gemeinsam mit Transport durch das Rote Kreuz weiter befördert werden.

Böhmisch-Leipa, den 14. Juni 1945

Der Militärortskommandant

pplk. Voves e. h.

Anmerkung

Edvard Beneš trat am 5.10.1938 von seinem Amt als tschechoslowakischer Staatspräsident zurück. Er beanspruchte das Amt des Exil-Präsidenten. Nach Überzeugung des Völkerbundes war er 1939 eine Privatperson.

In der Zeit vom 21.8.1940 bis 28.10.1945 wurden von ihm die sogenannten Benesch-Dekrete erlassen. Etwa 15 dieser insgesamt 143 Dekrete regeln die Enteignung und Entrechtung der Deutschen und Magyaren auf dem Gebiet der Tschechoslowakischen Republik. Ein kurzer Film versetzt uns in jene Zeit. Diese völkerrechtswidrigen Dekrete wurden am 28.3.1946 durch die Tschechoslowakische Provisorische Nationalversammlung rückwirkend gebilligt. Jedoch war diese Nationalversammlung nicht etwa demokratisch gewählt, sondern durch Dekret von Herrn Beneš einberufen worden …
© Familienforschung Oskar, Rolf & Olaf Steuer